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29. April – 9. Mai 2026

«Quai-Cornichon-Stammtisch» für Mitglieder

20. Quai Cornichon 2010 mit Fokus: Hagen Rether

Auch der 20. und vorerst letzte «Quai Cornichon» im APA Kulta war gut besucht. Es handelt sich hierbei um eine Anlass-Reihe der Oltner Kabarett-Tage, die seit 2021 exklusiv für Mitglieder der OKT durchgeführt wird und bisher HIghlights der ersten Festival-Jahre bis 2010 dokumentiert.

Im Zentrum des Abends stand das Oltner Kabarett-Festival aus dem Jahre 2010 mit Hagen Rether als Preisträger 2010und einigen damaligen Neuerungen im Festivalrahmen des Vereins.

Hagen Rether in Olten: Ein Abend zwischen Satire, Ernst und stehenden Ovationen

Die Oltner Kabarett-Tage haben eine lange Tradition, besondere Stimmen des deutschsprachigen Kabaretts auf die Bühne zu bringen – 2010 gehörte dieser Platz Hagen Rether. Sein Auftritt zeigte eindrücklich, warum er seit Jahren als einer der kompromisslosesten politischen Kabarettisten gilt.

Festivalrahmen: Ehrenamt, Spielfreude und fünf Bühnen

Das Festivaljahr 2010 war geprägt von Veränderungen: Der Verein zog an die Froburgstrasse 5 um, professionalisierte die internen Abläufe und bildete ein sechsköpfiges Kernleitungsteam mit rund hundert Helfenden. Neu wurde an fünf unterschiedlichen Spielorten gespielt, was dem Festival zusätzliche Vielfalt verlieh: Stadttheater, Theaterstudio, Schützi, Jldefonsplatz und Caveau du Sommelier.

Besondere Erwähnung gab es zu zwei Programmpunkten. In der ersten Woche führte Thomas Lötscher  alias Veri satirische Stadtrundgänge durch, in der zweiten gewann Max Uthoff die „Sprungfeder“ und machte damit seinen steilen Karriereschub sichtbar.

Wer ist Hagen Rether?

Hagen Rether wurde in Rumänien geboren, seine Eltern sind deutschsprachige Siebenbürger Sachsen, die 1973 nach Freiburg im Breisgau übersiedelten. Bereits mit acht Jahren begann er mit dem Klavierspiel und startete seine Karriere als Pianist beim Kabarettisten Ludwig Sebus / Ludwig Stratmann, bevor er eigene Programme entwickelte.

Sein Solo-Programm „Liebe“ – das bis heute so heisst, auch wenn sich die Inhalte ständig weiterentwickeln – ist sein Markenzeichen. Inhaltlich widmet er sich vor allem gesellschaftspolitischen Themen: Massenmedien, Konsum, Globalisierung, Religion, Kapitalismus und Machtstrukturen bilden den thematischen Kern.

Stil: Drei Stunden Plaudern – und das schärfste Kabarett

Kritiker beschreiben seine Auftritte als „Plaudern, nicht wie Kabarett – und gerade deshalb das Schärfste, Durchdachteste und Konsequenteste, was im deutschen Kabarett zu erleben ist“. Rether steht oft fast drei Stunden lang „im Zustand des beschämten Ekels“ auf der Bühne und legt schonungslos die Widersprüche unserer Welt frei.

Charakteristisch ist sein Setting: Konzertflügel, Drehstuhl mit Armlehnen,als Requisiten hat er meistens Bananen dabei. Mal spielt er virtuos Klavier, mal sitzt er minutenlang scheinbar untätig am Flügel oder im Stuhl, denkt nach, setzt an, bricht ab – und treibt das Publikum damit zugleich in Gelächter und Nachdenklichkeit.

Olten, Essen und der Blick auf die Schweiz

In Olten beginnt Rether spielerisch mit der Distanz zwischen deutscher und Schweizer Wahrnehmung. Er erzählt von seiner Heimatstadt Essen, die nach dem Krieg so zerstört war, dass man sie in Bochum wieder aufbauen wollte, und heute Kulturhauptstadt ist – mit dem Vorteil, dass man dank Autobahnen in zwei Minuten wieder draussen ist.

Mit wenigen Sätzen stellt er die Verbindung zur Schweiz her, scherzt über Kühe, Uhren und das Ende des Bankgeheimnisses und vergleicht es mit „Bangkok ohne Kinderstrich“ – drastisch formuliert und doch präzise in der Zuspitzung. Die Pointe: Es seien nie die Häuser, die einen Ort ausmachen, sondern die Menschen – ein Satz, der in Olten ebenso gilt wie im Ruhrgebiet.

Politik, Krise und die Gier unserer Zeit

Ein zentrales Motiv des Abends ist die Politikverdrossenheit. Rether zeichnet die deutsche Regierung als Karussell altbekannter Gesichter, „als würden Sie morgens in Ihren Schlüpfer schauen und denken: den ziehe ich noch mal an“ – ein Bild, das schmerzhaft sitzt. Er fordert Verantwortung statt Ausreden: von Politikerinnen und Politikern, aber genauso von Bürgerinnen und Bürgern.

Besonders scharf fällt seine Kritik an der Finanzkrise aus. Nicht nur Banker und Wall Street seien schuld, sondern die Gier der Gesellschaft insgesamt: „Ohne unsere Gier wäre die Gier der Banker nichts wert gewesen“, hält er dem Publikum vor. Damit dreht er die übliche Empörung um und macht klar, dass bequeme Schuldzuweisungen zu kurz greifen.

Inszenierte Empörung: Castor-Transporte, Fußball und „Truman-Show“

Rether seziert auch die Rituale moderner Empörung: Castor-Transporte im Wendland, Jahr für Jahr, mit stets ähnlichen Bildern und Formulierungen in den Nachrichtensendungen. Für ihn wirken die Proteste wie ein Theaterstück mit festem Ablauf, das vor allem dazu dient, uns das Gefühl zu geben, in einer funktionierenden Demokratie zu leben.

Ähnlich kritisch schaut er auf den Fussball: Jedes Wochenende Bürgerkrieg im Stadion, tausende Polizisten, immense Kosten – und gleichzeitig fehlen die Mittel für Schulen und Kitas. Seine Rechnung ist einfach, aber wirkungsvoll: Für das Geld liessen sich „Kindergärten bis zum Mond und zurück“ finanzieren.

Globale Verantwortung: Von Afghanistan bis zur Rohstofffrage

Ein längerer Teil des Abends widmet sich der internationalen Politik. Rether erinnert an die Rolle westlicher Geheimdienste und Regierungen bei der Unterstützung der Mudschahedin, an propagandistische Schulbücher und daran, wie aus „nützlichen Verbündeten“ später Feindbilder wurden.

Mit drastischen Bildern macht er deutlich, dass sich jahrzehntelange Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen nicht folgenlos wegmoderieren lässt. Seine Frage an Europa ist klar: „Glauben Sie, wir kommen durch mit der Nummer?“ – also damit, weiterhin Ressourcen zu beziehen und gleichzeitig Demokratie, Menschenrechte und Wohlstand zu exportieren.

„Bleib erschütterbar und widersteh“

Zum Rahmen des Abends gehört auch die Verleihung des Schweizer Kabarett-Preises „Cornichon“ an Hagen Rether, gewürdigt in einer Laudatio von Hans Jakobshagen. Er erinnert an Zeiten, in denen Rether in Essen vor 30 statt 300 Gästen spielte – und an den Moment, als er plötzlich sein Publikum gefunden hatte.

Die Laudatio endet mit einem Gedicht des verstorbenen Peter Rühmkorf: „Bleib erschütterbar, doch widersteh“ – eine Zeile, die wie ein literarisches Motto über Rethers Arbeit und über diesen Abend in Olten steht. Erschütterbar zu bleiben und gleichzeitig standhaft zu widerstehen, ist genau das, was seine Auftritte einfordern.

Fazit: Wenn Kabarett mehr ist als Lachen

Der 20. «Quai Cornichon» ist vorerst die letzte Ausgabe dieses Formates. 2027 konzentriert sich das Team der Oltner Kabarett-Tage auf das 40. Jubiläum . So wurden am Schluss alle Initianten und Beteiligten von Geschäftsleiterin Cornelia Kaeser-Günther gebührend verdankt und beschenkt: Hedy von Arx und Claude Schoch für Recherche, Präsentation und Moderation der Abende, Chrigu und Rebi vom Verein APA als Gastgebende für die Bewirtung und technische Unterstützung der «Quai Cornichon»-Abende im Eventlokal Kulta an der Römerstrasse.

Nur für Mitglieder: Rückblick auf Preisträger und Einblick in die Arbeit rund um die Kabarett-Tage. Der Anlass findet im Wintersemester einmal pro Monat an einen Montag statt. Die Angemeldeten treffen sich jeweils ungefähr ab 17.45 Uhr an der Bar, ab 18.15 Uhr Filmausschnitte von Cornichon-Preisträgerinnen und Preisträger sowie einem Talk mit einem Gast.  Bitte jeweils bis spätestens am Freitag vor dem Anlass anmelden unter info@kabarett.ch. Die nächsten Termine finden statt an:

  • Montag, 10. November 2025
  • Montag,   5. Januar 2026
  • Montag, 23. Februar 2026
  • Montag, 16. März 2026

Zum Flyer mit weiteren Details.